{"id":42,"date":"2019-04-17T13:47:16","date_gmt":"2019-04-17T11:47:16","guid":{"rendered":"http:\/\/test.cogito-institut.eu\/?page_id=42"},"modified":"2019-05-23T09:24:07","modified_gmt":"2019-05-23T07:24:07","slug":"plattform","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/cogito-institut.de\/?page_id=42","title":{"rendered":"Programmatik"},"content":{"rendered":"\n<p><strong> Gr\u00fcndungserkl\u00e4rung des Instituts vom April 2002 <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>COGITO sieht sich einer bestimmten programmatischen Position verpflichtet,       die durch die Arbeit des Instituts vertieft und zu einer Basis f\u00fcr praktische Interventionen weiterentwickelt werden soll. Die Position soll im folgenden kurz umrissen werden. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Autonomie ist \u2013 bezogen auf verschiedene Gegenst\u00e4nde \u2013 Gegenstand in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. Dass wir sie zum Gegenstand einer eigenen Forschungseinrichtung machen wollen, geht auf eine Zweideutigkeit zur\u00fcck, die sich seit mehreren Jahren in der wissenschaftlichen Literatur beobachten l\u00e4\u00dft: einerseits wird von der Autonomie des menschlichen Individuums als seiner F\u00e4higkeit zur Selbstbestimmung gesprochen, andererseits aber von der Autonomie von Systemen und Prozessen (z.B. des Marktes), die sich gerade darin bew\u00e4hren w\u00fcrde, dass die Individuen bis in ihre willentlichen Entscheidungen hinein von der Eigendynamik ihrer Handlungsbedingungen bestimmt w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was ist Autonomie? <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist keine neue\nFrage. Sie ist zuerst von Kant&nbsp;und Hegel gestellt worden und hat als das\nProblem der Freiheit philosophisches Denken zu Anfang des 19. Jahrhunderts\nregiert, so dass Hegel die Philosophie geradezu als \u201edie Wissenschaft von der\nFreiheit\u201c bestimmen konnte (Enzyklop\u00e4die, 1817. Einleitung). Wollte man an dieser\nBestimmung festhalten, k\u00f6nnte man statt von \u201aAutonomieforschung\u2019 ebensogut von\n\u201aPhilosophie\u2019 sprechen und COGITO ein \u201aInstitut f\u00fcr Philosophie\u2019 nennen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das w\u00e4re jedoch\nirref\u00fchrend, weil wir unser Selbstverst\u00e4ndnis nicht zuerst aus der\nphilosophischen Fachdiskussion von heute gewinnen, \u2013 wie es auch nicht zu den\nvorrangigen Zwecken unseres Instituts geh\u00f6ren soll, sich in die\nAuseinandersetzung um das heutige Selbstverst\u00e4ndnis von Fachphilosophen\neinzumischen. Unser Interesse liegt woanders. F\u00fcr die Gr\u00fcndung des\nCOGITO-Instituts war entscheidend, dass die oben genannte Zweideutigkeit der\nAutonomie ihre Entsprechung in der heutigen Realit\u00e4t findet und eine\nSchl\u00fcsselstellung innehat bei der Interpretation bestimmter aktueller\ngesellschaftlicher und \u00f6konomischer Entwicklungen. <\/p>\n\n\n\n<p>Hinter der terminologischen Zweideutigkeit verbirgt sich ein methodisches Problem: Wir haben den Eindruck, dass in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen vorausgesetzt wird, dass man schon wisse, was Autonomie sei \u2013 oder dass man sich \u201aAutonomie\u2019 als blo\u00dfen Terminus nach den jeweiligen fachlichen Anforderungen willk\u00fcrlich zuschneiden k\u00f6nne. Wir wollen unsere Arbeit dagegen auf eine Auseinandersetzung mit der Frage gr\u00fcnden, was Autonomie ist und ob sie \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autonomie und Betrieb<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seit vielen Jahren\nstudieren Wilfried Gli\u00dfmann und Klaus Peters die Ausbreitung einer prinzipiell\nneuen Organisationsform gro\u00dfer Unternehmen \u2013 vor allem am Beispiel der IBM.\nDiese neue Unternehmensorganisation verbindet beides: ein Abbau von\nKommandostrukturen gibt den Individuen mehr Autonomie, w\u00e4hrend gleichzeitig die\nAutonomie inner- und au\u00dferbetrieblicher Systeme und Prozesse dazu benutzt wird,\ndas Handeln von Individuen indirekt zu steuern, so dass der Abbau der\nKommandostrukturen das Unternehmen nicht etwa ins Chaos f\u00fchrt, sondern in einen\nh\u00f6heren Grad von Organisiertheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Unternehmen\nerreichen dadurch enorme Produktivit\u00e4tssteigerungen, die sich einer vermehrten\nNutzung der Kr\u00e4fte und F\u00e4higkeiten der abh\u00e4ngig besch\u00e4ftigten Menschen\nverdanken. Diese Menschen wiederum finden sich konfrontiert mit einer enormen\nSteigerung des Leistungsdrucks \u2013 Ausdehnung der tats\u00e4chlichen Arbeitszeiten bei\ngleichzeitiger Leistungsverdichtung \u2013 , die nun aber nicht mehr durch\nAnweisungen \u201avon oben\u2019, sondern durch vermehrte Selbst\u00e4ndigkeit am Arbeitsplatz\nbewirkt wird und von ihnen selbst auszugehen scheint.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>In dem Buch: \u201eMehr Druck durch mehr Freiheit \u2013 Die neue Autonomie in der Arbeit und ihre paradoxen Folgen\u201c (Hamburg: VSA, 2001) haben Wilfried Gli\u00dfmann und Klaus Peters diese Ph\u00e4nomene in eine freiheitstheoretische Perspektive gestellt. Wir vertreten die These, dass durch die neue Organisationsform der Unternehmen Autonomie von ihrem Gegenteil \u00fcbergriffen und selbstbestimmtes Handeln von Individuen zum Gegenstand einer indirekten Steuerung, also zum Gegenstand von Fremdbestimmung gemacht wird. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Befreiung zum Problem der Befreiung&nbsp; &nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dies k\u00f6nnte als praktischer Beweis verstanden werden daf\u00fcr, dass die M\u00f6glichkeit individueller Autonomie eine Fiktion und die neue Herrschaftsform im Betrieb reines Teufelszeug sei. Wir bewerten die Sache anders. Die neue Unternehmensorganisation bringt unserer Meinung nach eine Befreiung von Verstellungen mit sich, die das Freiheits- und Autonomieproblem praktisch, wie theoretisch durch das Kommandosystem erfahren hat. Darum ist dessen Abschaffung uneingeschr\u00e4nkt zu begr\u00fc\u00dfen \u2013 nicht als \u00dcbergang in das Reich der Freiheit, sondern als eine praktische \u201aBefreiung zum Problem der Befreiung\u2019. Im betrieblichen Alltag zeigt sich heute, dass die Autonomie des Individuums erst durch eine Aufhebung ihrer Vereinnahmung durch ihr Gegenteil &#8211; die Eigendynamik autonomer Systeme und Prozesse \u2013 verwirklicht werden kann und nicht schon durch eine \u00dcberwindung von Kommandostrukturen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schwerpunkte unserer Programmatik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aus dieser\nPerspektive ergeben sich zwei Schwerpunkte f\u00fcr die Programmatik, ebenso wie f\u00fcr\ndie k\u00fcnftige Arbeit des COGITO-Instituts:<\/p>\n\n\n\n<p>Erstens stehen wir\nim entschiedenen Gegensatz zur Ideologie des Neoliberalismus, die in der\nNachfolge von Hayeks die Freiheit des Individuums im freien Unternehmertum\nverwirklicht sieht. Mit der vorherrschenden Kritik am Neoliberalismus sind wir\nallerdings uneins. Sie \u00fcberspringt eine Auseinandersetzung mit dessen\nFreiheitsverst\u00e4ndnis und will aus fertigen moralischen oder politischen\nVoraussetzungen zu ihren Urteilen kommen. Unsere Kritik zielt darauf, dass der\nNeoliberalismus die Freiheit des Individuums verfehlt und verf\u00e4lscht \u2013 und\nnicht etwa darauf, dass er sie zu sehr betont. Anhaltspunkte f\u00fcr die Begr\u00fcndung\ndieser Position gewinnen wir vor allem aus einem neuen Blick auf die\nfreiheitstheoretischen Implikationen der Kapitalismuskritik von Marx. <\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens gehen wir\ndavon aus, dass sich durch die Ver\u00e4nderungen in der Organisationsform der\nUnternehmen die Funktion ver\u00e4ndert, die einer Theorie der Autonomie f\u00fcr die\npraktische Verwirklichung von Autonomie zukommt. Sie darf sich nicht damit\nzufrieden geben, in der Rolle einer allgemeinen Metatheorie\nVerst\u00e4ndigungserfolge unter Experten zu erzielen. Letztere werden sogar\nirrelevant, wenn sie die Kontinuit\u00e4t abrei\u00dfen lassen zu den\nSelbstverst\u00e4ndigungsprozessen der Menschen, nach deren Autonomie gefragt wird.\nDies nicht erst aus wissenschaftspolitischen, sondern schon aus logischen\nGr\u00fcnden: ein \u201aExperte f\u00fcr Autonomie\u2019 f\u00e4llt aus seiner Expertenrolle, sobald er\nnach seiner eigenen Autonomie fragt. Andererseits verschwindet deswegen nicht\nschon der Unterschied zwischen der Selbstverst\u00e4ndigung des Einzelnen und einer\n\u201eWissenschaft von der Freiheit\u201c, und gerade die Kritik und Aufhebung einer sich\nauf sich selbst beschr\u00e4nkenden Fachdiskussion verlangt wiederum nach fachlichem\nWissen.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Sinne haben wir unsere Untersuchungen \u00fcber das Prinzip der neuen Unternehmensorganisation von Anfang an auf Erfahrungen gest\u00fctzt, die wir mit Selbstverst\u00e4ndigungsprozessen an der betrieblichen Basis gemacht haben.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gr\u00fcndungserkl\u00e4rung des Instituts vom April 2002 COGITO sieht sich einer bestimmten programmatischen Position verpflichtet, die durch die Arbeit des Instituts vertieft und zu einer Basis f\u00fcr praktische Interventionen weiterentwickelt werden soll. Die Position soll im folgenden kurz umrissen werden. 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